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Ein Tag als Cutterin beim ORF

Ein Tag als Cutterin beim ORF

1. Januar 2025

von Carina Bihlmayer

ORF, das ist der Österreichische Rundfunk. Wenn ich nämlich gerade nicht MMP studiere, dann arbeite ich im Landesstudio Tirol in Innsbruck im News-Schnitt. Der Beruf, der mich überhaupt erst ins MMP-Studium gebracht hat, ist vielseitig und sicherlich niemals langweilig.

Mit praktischen Langschläfer-Arbeitszeiten von 11:00 Uhr bis 19:30 Uhr weiss ich nie, welche Geschichten mich an diesem Tag erwarten werden. Vielleicht mache ich am Vormittag ein Porträt über einen Ameisenzüchter, nach der Mittagspause einen Politikbericht und kurz vor Sendungsbeginn kommt noch eine Meldung über einen Unfall. Dann heisst es schnell sein.

Die wichtigsten Fähigkeiten im Newsschnitt

Die Technik beherrschen: Auch wenn es bei manchen Projekten mal die Zeit gibt, Dinge auszuprobieren und neue kreative Mittel zu entdecken, sind das keine News-Projekte. Gerade im Nachrichtenbereich ist die Zeit der grösste Gegner. Deshalb ist es wichtig, dass die Cutter/innen ihr Werkzeug beherrschen. Viele Handgriffe und Shortcuts gehen einem ins Blut über, doch dann besteht die Gefahr unaufmerksam zu werden. Deshalb ist eine mentale Troubleshooting-Checkliste hilfreich. «Wenn das nicht funktioniert, woran kann es liegen? Wenn es das nicht ist, what’s next?»

Geschwindigkeit: Und damit einher geht Entscheidungsfreude. Wenn ein Beitrag pünktlich auf Sendung gehen soll, gibt es einen Punkt, ab dem man nicht mehr jedes Bild durchprobieren kann, das potenziell an diese Stelle passen könnte. Es muss eine Entscheidung getroffen werden. Dazu gehört, den Überblick über die verbleibende Arbeitszeit zu behalten und Prioritäten klar zu setzen – welche Elemente sind unverzichtbar und welche können im Notfall weggelassen oder angepasst werden? Manchmal muss diese Entscheidung auch bei den Redakteuren durchgesetzt werden, denn am Ende können die Cutter/innen am besten einschätzen, wie viel Zeit sie noch für die technische Umsetzung brauchen.

Teamfähigkeit: Der Newsschnitt ist fast nie eine Einzelaufgabe. Cutter/innen arbeiten mit Redakteuren und manchmal auch den Kameraleuten zusammen, um eine Geschichte aufzustellen. Eine klare Kommunikation ist dabei entscheidend. Wünsche und Anforderungen müssen schnell verstanden und umgesetzt werden, wobei es auch darauf ankommt, diplomatisch und lösungsorientiert zu agieren, falls es zu unterschiedlichen Meinungen kommt. Jede/r Redakteur/in ist anders und arbeitet anders – oft auch anders als die eigenen Herangehensweisen. Es gilt, Kompromisse zu finden und seine gestalterischen Entscheidungen begründen zu können. Teamfähigkeit bedeutet hier auch, in stressigen Situationen ruhig und kollegial zu bleiben, um gemeinsam das Ziel – einen rechtzeitig sendefertigen Beitrag – zu erreichen.

Kreativität: Obwohl der Zeitdruck im Nachrichtenbereich oft wenig Raum für Experimente lässt, ist ein gewisses Mass an Kreativität dennoch wichtig. Sie zeigt sich vor allem in der Fähigkeit, auch unter stressigen Bedingungen passende visuelle und erzählerische Lösungen zu finden. Manchmal kann ein gut platzierter Schnitt oder ein kreativer Übergang dazu beitragen, die Botschaft eines Beitrags klarer und eindrucksvoller zu transportieren. Ein kreativer Ansatz kann auch helfen, repetitive Aufgaben interessanter zu gestalten und die eigene Motivation zu steigern. Manchmal hilft es hier, sich eine Art Baukasten zuzulegen. Einfache, aber universelle Stilmittel, die in vielen verschiedenen Beiträgen funktionieren.

Wissen, wann man eine Regel brechen muss: Newsschnitt bedeutet auch, tagesaktuell zu arbeiten und vor allem Informationen zu transportieren. Es kommt oft vor, dass von schwierigen Situationen nur wenig bis gar kein Bildmaterial vorhanden ist. Dann gilt es, das Beste daraus zu machen – auch wenn man dafür mal einen Achsensprung oder eine wacklige Einstellung in Kauf nehmen muss. Genrebilder werden beste Freunde und auch wenn man die grundlegenden Gestaltungsprinzipien so weit wie möglich einhalten sollte, ist es wichtig zu wissen, wann man ein Prinzip ignorieren muss.

Um all das noch ein bisschen realitätsnaher zu erleben, begleitet mich doch in diesem Vlog durch einen Tag als Cutterin im Landesstudio Tirol:

(pru)

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